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Aus der Geschichte unseres Pfarrhauses von 1777 bis 1957.
(von Dr. Reinhard Müller)

In den letzten Monatsplänen wurde berichtet, dass die Planungsarbeiten für den Bau unseres Pfarrhauses begonnen haben. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, einmal in den Chroniken zu blättern, was über das Pfarrhaus berichtet wird. Erstmalig wird dort geschrieben:
„Der im Jahre 1777 eingeleitete Pfarrhaus – Bau wurde 1782 begonnen und 1783 vollendet. Der Zustand des alten Pfarrhauses war jammerhaft gewesen.“
Aus dem Kirchen–Vermögen wurden 800 Thaler zum Bau des Pfarrhauses verwendet. Etwas ungewöhnlich war die erste Nutzung des Pfarrhauses, bevor es überhaupt vom nachfolgenden Pfarrer übernommen wurde. Es wird 1782 berichtet: „Der hiesige treuverdiente Pastor M. Johann Gottlieb Rose stirbt im Alter von 64 Jahren am 17. Dezember und im 23. seines Ministeri. Sein Leichnam wurde im neuerbauten Pfarrhause aufgebahrt.“

Die Neubesetzung des Pfarramtes erfolgte 1783 durch Gottlob August von Plänckner (v. Plenkner). Er war 1759 in Chemnitz geboren. Der Einweisungs–Gottesdienst war am 26. Oktober, am folgenden Tag war die Übernahme des neuen Pfarrhauses.
Auch die Kirchgemeinde beteiligte sich durch Spenden am Pfarrhausbau, so wurde z.B. von seiten der hiesigen Inspektion (Aufsichtsbehörde) 1784 eine Kollekte für den Tag Mariä Reinigung (2. Februar) bewilligt.

Infolge der 1785 eingeführten neuen Brandkassen Einrichtung erfolgte eine befohlene Wertermittlung der geistlichen Gebäude. Es ergab sich folgende Schätzung:
„Die Kirche 5300 Thal.; die Pfarrwohnung (insgesamt 6 Gebäude: Pfarre; Pächterhaus mit Stall; Scheune mit Schuppen; Seitengebäude mit Pferdestall; Backhaus; Holzschuppen) 2375 Thlr.; die Schule 300 Thlr.“

Weitreichende bauliche Änderungen am Pfarrhaus erfolgten 1861. In der Chronik wird berichtet:
„Nach Pfingsten begann auch wieder das Abputzen der Pfarrgebäude und die Gemeinde ließ neue rußische Aessen aufführen.“ Die russische Esse oder russische Röhre ist eine besondere Schornsteinbauart, die seit Ende des 19. Jahrhunderts (nach russischem Vorbild?) in Deutschland üblich war. Sie zeichnet sich durch einen engen Querschnitt und daraus folgend kräftigem Zug aus. Dies ermöglichte den Anschluss weiter entfernt stehender Öfen mit langen Ofenrohren. Zugleich stieg mit dem kräftigen Zug die Gefahr von Funkenflug über das Dach. Russische Röhren sind daher im Allgemeinen erst nach Durchsetzung der harten Dachdeckung (Ziegel, Stein) eingeführt worden.

Weitere bauliche Änderungen erfolgten im Inneren des Pfarrhauses. Der damalige Pfarrer Lohmann schreibt in der Chronik:
„In der Pfarrwohnung ließ ich eine Aenderung vornehmen und bis auf Thüre und Schloß auf eigene Kosten ausführen. Früher war von der Hausflur aus ein dunkler Gang in die nordöstlich gelegene Stube. Nachdem eine rußische Aesse gebaut worden und das Kamin überflüssig worden war, konnte die Mauer, welche linker Hand aufgeführt war, weggenommen und vorn neu aufgeführt werden, wodurch ein niedliches Schlafkämmerchen gebildet wurde.“

Bis zum Jahr 1887 sind in der Chronik keine weiteren Eintragungen aufgeführt. Als Pfarrer Lohmann in den Ruhestand ging, wird in der Chronik ausgeführt:
„Michaelis (29. September) 1887 nahm H. P. Lohmann nach 29 jähriger treuer und gesegneter Wirksamkeit Abschied von seiner lieben Gemeinde Wittgensdorf und zog nach Reudnitz bei Leipzig. Möge Gott dem ehrwürdigem Greis die wunderbare geistige u. körperliche Frische, die es ihm ermöglichte, das Amt in der hiesigen, auf nahezu 5000 (genauer 4660) Seelen angewachsenen Gemeinde ohne Hilfe bis ins 80. Lebensjahr zu verwalten, noch lange erhalten u. ihm einen freundlichen u. ungetrübten Lebensabend bescheren. Sein Andenken wird im Segen bleiben.“

Die Wahl eines neuen Pfarrers nach der Emeritierung von Pfarrer Lohmann erfolgte in der Sitzung des Kirchenvorstandes am 16. August 1887. Sie fiel auf Julius Wilhelm Frommhold, geboren am 16. Nov. 1847 in Reichenbach im Vogtland und zuletzt Pfarrer in Dörnthal bei Sayda. Über seinen Einzug in Wittgensdorf und ins Pfarrhaus schreibt er selbst in der Chronik:
„Vom Kirchenvorstand an der Haltestelle Bahrmühle empfangen und im Pfarrhof vom Gemeinderat, Lehrerkollegium u. den Oberklassen der Schule, sowie vom H. Kollator (der das Recht hat, ein frei gewordenes kirchliches Amt zu übertragen) freundlichst begrüßt, zog ich mit den Meinen am 26. Okt.1887 ins Pfarrhaus ein, das während der vier wöchentlichen Vakanz innerlich neu hergerichtet war.“

An das Pfarrhaus wurde, so wird 1889 berichtet, ein neuer Abort angebaut, da die bisherige Abortanlage höchst unästhetisch u. gesundheitswidrig war. Außer der zum Einzug von Pfarrer Fromhold 1887 erfolgten inneren Erneuerung und dem Anbau der Abortanlage 1889 wurde das äußere Erscheinungsbild des Pfarrhause offenbar sehr vernachlässigt. In der Chronik wird dazu folgendes ausgeführt:
„Am Pfarrhaus wurde in diesen Jahr (1897) eine längst nötige äußere Renovation vorgenommen (Schieferbeschlag an der Süd„ u. Ostseite, Abputz, Streichen der Fenster), wodurch das Gebäude, das bis dahin recht vernachlässigt aussah, ein würdiges Aussehen Ansehen erhielt.“

Zur Installation der elektrischen Beleuchtung der kirchlichen Anlagen wird in der Chronik 1908 folgendes berichtet:
„Ein Anfang zur Beschaffung von elektrischer Beleuchtung für die Kirche wurde insofern gemacht, als im Herbst 1908 wenigstens für elektrische Beleuchtung des Vorplatzes u. sämtlicher Eingänge u. Nebenräume (Sakristei, Heiz„ u. Bälgekammer), des Turmes, Treppenhauses u. Glockenbodens, Kirchboden sowie der Orgel (Spieltisch, wie Inneres) u. der Thermometer im Kirchenraum gesorgt wurde.“
Zur elektrischen Beleuchtung des Pfarrhauses schreibt Pfarrer Fromhold in der Chronik:
„Auch der Pfarrhof erhielt eine elektrische Lampe, während im Pfarrhaus selbst ich schon vor 3 Jahren gegen eine monatl. Zahlung von je 1,50 M, durch welche die Kosten der Installation in zehn Jahren getilgt werden, zwölf Flammen hatte anbringen lassen zur Beleuchtung der nötigsten Räumlichkeiten.“

Zur elektrischen Beleuchtung des Inneren des Gotteshauses wird im Wahrheitszeugen (dem christlichen Monatsblatt für Wittgensdorf, Glösa, Auerswalde) Ausgabe Dezember 1911 unter der Überschrift „Kleine Ursache – große Wirkung“ ausgeführt, dass während einer Kirchenvisitation im Gottesdienst eine Wachskerze von der 2. Empore in das Schiff der Kirche fiel. Dies nahm der Superintendent zum Anlass, zu einer elektrischen Beleuchtung unseres Gotteshauses anzuregen. Der Kirchenvorstand ist dieser Anregung nachgekommen und man hoffte, schon zum Weihnachtsfest 1911 die Kirche im Glanz des neuen Lichtes zu sehen. Im Wittgensdorfer Wochenblatt wird in den Ausgaben April/Mai über einen Pfarrhausumbau berichtet. Leider steht uns das Wochenblatt nicht zur Verfügung, so dass wir nicht nachkommen können, was alles umgebaut wurde.

Nachdem das Wittgensdorfer Wochenblatt, in welchem alle kirchlichen Veranstaltungen und Ereignisse veröffentlicht wurden, nach 1945 seinen Betrieb durch Anordnung der russischen Besatzungsmacht einstellen musste, hat der damalige Kantor Helbig eine kirchliche Chronik weitergeführt. Herr Helbig war von August 1936 bis Mai 1959 Kantor in Wittgensdorf. Er beginnt die Chronik 1941 und führt sie bis zu seinem Wegzug 1959. Sein erster Eintrag in der Chronik das Pfarrhaus betreffend war ein entsetzliches Ereignis:
„30.9. 1949 Bei einem Brand im Pfarrhaus erleidet unser lb. Herr Hempel an der Tür seiner Arbeitsstätte den Herzschlag.“

Herr Arno Hempel war Kirchendiener, Kirchenbuchführer, Kanzleiveranrwortlicher und und, und ... Er war praktisch das Faktotum der Kirchgemeinde.
Ein schmerzlicher und schwerer Verlust. Eine unerfreuliche Notiz in den Aufzeichnungen finden wir 1953:
„19.7.Nächtliche Einbrüche im Pfarrhaus, wie voriges Jahr um die Zeit.“ Leider ist nicht vermerkt, welcher Schaden angerichtet wurde.

Im April1954 berichtet Kantor Helbig, dass der Hausflur im Pfarrhaus vorgerichtet wird.
Der letzte Eintrag zum Pfarrhaus ist von 1957:
„8.10. Aus dem Pfarrhaus wird ein Leichnam getragen (Herr Belusa sen).“

Ab 1957 wurde keine Chronik mehr geführt. Erst mit dem Erscheinen der Monatspläne wurde wieder ausführlich über das Baugeschehen informiert.

Aufgezeichnet von Dr. Reinhard Müller im Januar 2007